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Dienstag, 1.Oktober 2013. Kommentar

Der Stone des Anstoßes

Ein Versuch wäre es wert: Man nehme eine Jury von Opern-Spezialisten, stelle ihnen ein paar Quoten-Punker zur Seite und fordere sie auf, die 100 besten Rock-Alben zu bestimmen. Heraus käme wahrscheinlich eine Liste mit einigen Beatles, ein paar Stones, sehr viel Dylan natürlich und als Gipfel des Progressiven Peter Gabriel mit einer Aufnahme aus den Achtzigern. Denn schließlich ist nach „Never Mind The Bollocks" nichts wirklich Wesentliches mehr passiert. Unsinn? Natürlich, aber ein gängiges Muster in der Welt der Kanonbildung. Das aktuelle Beispiel dafür: Die 100 besten Jazz-Alben aller Zeiten, zusammengestellt vom Rolling Stone Magazin, als flankierende Werbemaßnahme für die Plattenladenwoche, eine rührige Aktion, mit der die Musikindustrie, gefördert von der Initiative Musik, den von ihr selbst mit Vehemenz zu Grabe getragenen Einzelhandel seit ein paar Jahren unter unterschiedlichen Themenschwerpunkten restbeleben will.

 

Nun hat also ein Gremium von 35 Experten, davon zwei Journalisten vom Fach, drei Musiker aus früheren Zeiten, einer außerdem und immerhin mit stilistischem Bezug zur Gegenwart, einen neuen Kanon zusammengestellt, der die Chance gehabt hätte, nach vorne zu weisen. Leider ist das nicht geglückt, im Gegenteil: Es wurde ein Repertoire zementiert, das die Ideologen-Riege des Neotraditionalismus von Stanley Crouch bis Ken Burns kaum besser hätte zusammenstellen können. Nichts gegen „A Love Supreme", „Kind Of Blue" und „Mingus At Um", alles großartige Platten, wie auch die von Duke Ellington oder Thelonious Monk oder Ornette Coleman oder Sun Ra. Nur kann es nicht sein, dass die gesamte Jazzgeschichte sich auf ein kleines Grüppchen kreativer Persönlichkeiten aus einem sehr begrenzten Zeitraum konzentriert, unter Missachtung der Vielfalt, die diese Musik in einem guten Jahrhundert stilistischer Entwicklungsgeschichte hervorgebracht hat - das müsste eigentlich jedem aufmerksamem kulturellen Beobachter klar sein. Was also treibt ein renommiertes Magazin an, derart sektiererisch und letztlich inhaltlich fahrlässig vorzugehen?

 

Die Antwort: Desinteresse. Die Art, wie die vermeintlich letztgültige Liste journalistisch flankiert wird, macht klar, dass hier einer Redaktion über die obligatorische Pressepromotion der Plattenladenwoche wohl ein Thema aufgedrängt wurde, mit dem sie sich eigentlich nicht beschäftigen wollte, angefangen bei einer lauwarmen, vor Topoi nur so strotzender Einleitung bis hin zu einem Helge-Schneider-Interview, das beim „Fick-Jazz" und launigen Phrasen über dilettierendes Amateurwesen endet. Schade nur, dass die Redaktion, wo sie doch schon keine Lust hatte, diese Aufgabe nicht outgesourced und die mangelnde Recherche lieber durch Allgemeinplätze ersetzt hat. Man hätte so viel aus diesen Seiten machen können, doch die Chance auf Vielfalt und auch fundierte Meinungsführerschaft wurde verschenkt! Freuen wir uns also auf die nächsten Artikel über Bob Dylan, Neil Young oder wahlweise Keith Richards. Das können sie.

 

 

Mittwoch, 15.Mai 2013. Kommentar

Eins durch Bowie

Außerirdisch? Oder was?

Schön ist die Welt, von oben. Natürlich wissen wir das, spätestens seitdem Raumstationen um die Erde kreisen und mit neugierigen Kameras den blauen Planeten filmen. Seit ein paar Tagen aber ist dieser Anblick auch ein Schlüsselreiz für maniriert galaktische Melancholie. Denn ein Astronaut konnte es sich nicht verkneifen, seine Gitarre durch den Weltraum schweben zu lassen und dazu einen alten David Bowie-Song anzustimmen. Und damit einen der schönsten Freiräume der Popfantasie mit viel zu konkreten Bilden zu besetzen.

Nun geht es nicht darum, dass Chris Hadfield nicht wirklich singen kann. Auch nicht darum, dass so eine Aktion, kaum als Video hochgeladen, gleich die globale Runde macht und sogar die etablierten Printmedien erreicht, die auf diese doch sehr offensichtliche Eigenwerbung anspringen. Es ist eher der Verlust einer naiv fantastischen Unschuld, die ein wenig traurig macht. Bowies Major Tom war ein Freak, der in seiner für die Zeit typischen gewürzkrautverhangenen Hellsichtigkeit über die Zerbrechlichkeit des menschlichen Daseins philosophierte, ein bisschen die Quersumme aus Solaris, 2001 und dem Kerl, der auf Raumschiffplanke in den Sternennebel surft. Hadfield hingegen ist der beschnauzbartete Nachbar im Eigenheim, der so gleich gar nichts Mythisches, Entrücktes, Geheimnisvolles an sich hat. Und der, wenn es schlecht läuft, in Zukunft für einen der schönsten Popsongs der Geschichte steht. Wie gut, dass auch Bowie wieder angefangen hat zu singen, derzeit besser den je, und wenigstens mit Esprit und verführender Lakonik gegen künstlerische Schlichtheit opponiert.

Bowie eins

Bowie zwei

Bowie drei

 

 

Mittwoch, 1.Mai 2013. Interview

„Wenn ich nicht getrommelt hätte, wäre ich staatsgefährdend geworden!“

Ganz bei sich: Han Bennink @ jazzahead! (dombr)

Han Bennink ist ein impulsiver Mensch. Das hat ihm geholfen, über ein halbes Jahrhundert hinweg fortwährend Neues anzupacken, Stile auszuprobieren, Projekte zu entwickeln. Groß geworden im Umfeld der musikalischen Befreiungsbewegungen der Sechzigerjahre, ist es ihm gelungen, bei allem Ernst der kämpferischen Ästhetik seinen Humor zu erhalten. Denn Han Bennink ist ein Überzeugungstäter, er trommelt aus Leidenschaft auf allem, was Klang verspricht, und widersetzt sich der Versuchung der Bedeutung. Musik ist für ihn Leben, eine Kunst des Augenblicks, und damit eine Haltung, die keine Festlegungen verträgt. Das wird auch deutlich, wenn man sich mit Han Bennink über freies Spielen, schräge Vögel und den Reiz der Einfachheit unterhält.


Als ich sie zum letzten Mal live erlebt habe, saßen sie beim Jazzfest Berlin allein auf der Bühne, nachdem sie ihr Duo-Partner Hermeto Pascoal nach ein paar Akkorden einfach sitzen gelassen hatte und verschwunden war ...
Das war ein Mist! Vor ein paar Wochen habe ich in Bergamo mit Uri Caine im gleichen Programm mit Pascoal gespielt. Leider wusste ich seine Zimmernummer im Hotel nicht, sonst hätte ich wahrscheinlich die Tür eingetreten! Was er sich damals von Kollege zu Kollege geleistet hat, war eine absolute Frechheit! Aber eigentlich müsste ich ihm auch dankbar sein. Denn durch diese Aktion habe ich damals die beste Werbung bekommen, die möglich war. Das Downbeat hat die Geschichte groß mit Foto gebracht, viele Zeitungen haben darüber geschrieben, das Fernsehen war dabei. Keiner wusste, was eigentlich los war und ich weiß es heute noch nicht.

Für das Publikum war es natürlich interessant mitzuerleben, wie sie immer wütender wurden und das Konzert immer besser wurde ...
Ein Konzert so anzufangen, das war natürlich einmalig. Aber ich war auch ein bisschen vorbereitet. Ich habe früher viel im Duo mit Misha Mengelberg gespielt - leider kann er inzwischen nicht mehr, weil er ziemlich krank ist - und da konnte es auch passieren, dass er im ersten Set nicht kam. Ich bin daher ziemlich trainiert als Solo-Schlagzeuger.

Wie viel Humor braucht man als Musiker?
Zunächst einmal braucht man Input. Das einzige Wort, das für mich nicht im Wörterbuch steht, ist ,Geduld‘. Ich habe einfach wenig Geduld, das ist meine Natur. Ich war daher immer schon ein Instant Composer. Ich will nichts ablesen, muss die Musik direkt machen. Und Humor? Ich weiß nicht. Mir scheint es so, dass viele Musiker überhaupt keinen Humor haben. Die meisten sind fest in ihrer Welt verankert.

Wie schaffen sie es denn selbst, ihren Sinn für Humor zu erhalten?
Man sagt in Holland: Man muss das Ruderboot mit den Rudern fahren, die man hat. Ich glaube, ich bin manchmal ein bisschen eine Depri-Figur. Das hängt damit zusammen, dass ich mich weiter und weiter von der Welt entferne, in der ich lebe. Alles ist digital, ich bin es nicht. Ich kann keinen Computer öffnen, dafür brauche ich Hilfe. Ich fliege so oft, dass ich eine Goldkarte habe, aber einchecken kann ich immer noch nicht alleine. Wenn ich solo unterwegs bin, muss jemand dabei sein, in einer Gruppe geht es besser, da laufe ich den anderen wie ein Esel hinterher. Insofern bin ich etwas depri. Alles was allerdings aus meinen Händen kommt, ist entweder Kunst oder Musik, da wird es viel fröhlicher. Das ist mein Stil, so kommt es aus mir heraus.

Wenn man ihnen zuhört und zusieht, könnten man meinen, die ganze Welt sei Klang ...
Natürlich, alles ist Klang. Ich kann eine Streichholzschachtel in die Hand nehmen und es ist Klang. Die Frage ist, was man damit anfängt. Damit daraus mehr wird, muss man eine Instantkomposition machen - das Wort hat übrigens Mischa Mengelberg erfunden. Dann muss man noch ein gutes Ende finden. Kümmert man sich nur um die Sounds, dann endet man wie ich damals, als ich mit einem Lastwagen voller Tricks unterwegs war, die man kaufen konnte: Glocken, Hörner, unendlich viele Trommeln und vieles mehr. Inzwischen reduziere ich alles und will wenn möglich nur noch Snare Drum spielen. Mein Vater, der auch Trommler beim Rundfunk war, meinte immer: Junge, schlepp doch nicht so viel mit! Wenn du es auf einer Trommel nicht schaffst, dann schaffst Du es auch nicht auf vielen. Recht hatte er! Wenn ich heute einen Job habe, dann setze ich mich am liebsten auf mein Fahrrad mit der Snare unterm Arm und das muss genügen.

Welcher Klang hat sie denn im Laufe der Jahre am meisten fasziniert?
Amseln zum Beispiel. Wenn die Frühling die Vögel wieder singen, das macht mich glücklich.

 

Sie gelten auch als Forscher der musikalischen Freiheit ...
Was ist schon Freiheit? Zunächst erstmal nur ein Wort. Wir müssen also klären, was es für jeden einzelnen bedeutet. Ein Kollege von mir hat immer gesagt: Was heißt das, freie Musik? Dass sie die Musiker nicht bezahlen? Das das Publikum kostenlos ins Konzert kann? Ich glaube, die große Freiheit gibt es nicht. Ich habe auch meinen Referenzrahmen, in dem alles passiert. Und manchmal versuche ich auszubrechen ...

Welche Kämpfe mussten sie denn führen?
 Am meisten den mit mir selbst. Ich bin sehr diszipliniert, stehe früh auf, übe, mache so viel wie möglich mit dem Fahrrad oder dem Ruderboot, habe keinen Fernseher. Alles so einfach es geht. Sport brauche ich allerdings nicht, den mache ich schon hinter meinem Schlagzeug. Dann ist da noch die andere Seite. Ich mache Kunst wie besessen, wie Peter Brötzmann, mit dem ich in Remscheid schon eine Ausstellung hatte. Ein sehr ausgezeichneter übrigens, ich stehe sehr auf seine Arbeiten. 

Was reizt sie denn als Musiker an der Bildenden Kunst?
Es ist nicht einfach, ein gutes Bild zu malen! Und da ist wieder die Verbindung zur Musik. Einen Oscar Peterson, einen Thelonious Monk, einen Peter Brötzmann erkennt man sofort, nach einem Ton. Es gibt so viele Saxofonisten, die so viele Noten spielen können, schneller als Coltrane, aber sie spielen immer den gleichen Mist. Es geht darum, seinen eigenen Weg zu gehen, seinen Stil zu spielen und nicht den Fliegenschiss vom Notenblatt.

Nun bekommen sie den jazzahead!-ŠKODA-Award verliehen. Fühlen sie sich jetzt etabliert?
Na ja, ich kann neben der Ehre das Geld ganz gut gebrauchen. Ich bin jetzt 71 Jahre alt, wir leben in einer Rezession und in Holland geht es uns noch viel schlechter als in Deutschland. Auch kulturmäßig. Holland war früher ein Passport-Land, offen nach allen Seiten. Das hat sich völlig verändert nach dem Tod von Theo van Gogh, jetzt ist es absolut kacke, ich kann das nicht anders sagen. Jazzclubs, Orte, wo Musik gemacht und auch noch ein bisschen bezahlt wird, gibt es quasi nicht mehr. Alles ist weg. Also insofern kann ich die Kohle ganz gut gebrauchen!

Was hat sich denn aus ihrer Sicht in der europäischen Jazzlandschaft während der vergangenen Jahre am meisten verändert?
Das hängt viel von den Persönlichkeiten ab. Ich spiele, Gott sei Dank, inzwischen in einem eigenen Trio. Daran muss ich mich übrigens noch sehr gewöhnen, denn lange Zeit war ich der musikalische Leiharbeiter für andere. Jetzt spiele ich plötzlich mit meinen eigenen Leuten und die sind noch ganz jung, keine dreißig, jünger als meiner Kinder. Sie haben etwas in sich, das es mir leicht macht, neue Türen zu öffnen. Sie spielen, was ich mir vorstelle, sind interessiert an den Sachen, die wir früher mit dem Instant Composers Pool gemacht haben. Es lebt, es kommen noch junge Leute nach, aber meistens ist es doch eine dicke graue Masse, die ich höre.

Warum trommeln sie eigentlich?
Wenn ich nicht getrommelt hätte, wäre ich staatsgefährdend geworden. Ich bin ein ADHD-Kind, doch vor 68 Jahren war dieses Phänomen noch nicht bekannt. So versuchte meine Mutter, mich als Dreijährigen mit Beruhigungstropfen zu kurieren. Außerdem habe ich bestimmt 25 Jahre lang wie verrückt gestottert. Schlagzeug zu spielen war und ist für mich daher ein Ausgleich, ein Ventil. Es macht mich ruhiger, macht mich müde, ich übe viel und für mich ist das wie ein Sport geworden. Ich brauche es wirklich, ein paar Stunden zur wirbeln, etwas zu tun.

Haben sie auch noch musikalische Träume?
Oh, ich habe noch so viele Träume und zugleich das Gefühl, dass ich weiterhin am Anfang stehe. Ich liebe es, weiter spielen zu können, und das ich dass überhaupt noch tun kann, weil ich gesund genug bin. Aber das kann schnell vorbei sein, das Grab gähnt einen schon an, wenn man 71 ist. Doch, einen Wunsch habe ich noch. Ich möchte einmal mit zwei halb abgebrannten Zündhölzern auf einer leeren Streichholzschachteln trommeln und tausend Leute im Saal hören gespannt zu, was der Mann da macht. Ich glaube, ich habe noch viel zu tun.

 

 



Montag, 18.Februar 2013. Kommentar

Das Signum der Sonnenbrille

 

Es sei ihm gegönnt. Auf seine alten Tage bekommt Heino eine feuilletonistische Aufmerksamkeit, wie sie ihm bislang während halben Jahrhunderts Schlagerkarriere zu erringen nicht gelang. Das Erstaunliche dabei: Er macht nichts anderes, als bisher auch. Nur reagiert die Fachpresse mit einem ans Irrationale grenzenden Abwehrreflex des vermeintlichen kulturellen Notstands, nur weil das Repertoire in diesem Fall ein wenig von dem abweicht, was er sonst reproduziert. Als ob es einen großen Unterschied machen würde, ob Heinz Georg Kramm Songs von der Ärzten oder Rammstein singt anstatt „Schwarzbraun ist die Haselnuss".

 

Er selbst hat in einem der vielen Interviews des Medienrummels zu Protokoll gegeben, dass es für ihn kaum einen Unterschied mache, ob er „Junge, komm bald wieder" oder „Junge, brich deiner Mutter nicht das Herz" anstimme. Das zeugt von klarem, geschäftsorientiertem Pragmatismus, gepaart mit der Tendenz zur Humorfreiheit, im doppelten Sinn des Wortes. Und es stößt auf eine überraschend hölzerne Lässigkeit auf Seiten der Gecoverten, für die es offenbar ein Affront ist, unter dem Signum der Sonnenbrille gesungen zu werden. Man fühlt sich brüskiert durch einen Partygag und das in einer verraabten Zeit, wo sonst jeder irgendwie jeden durch den Kakao zieht und auch noch lacht, wenn er eins aufs Maul bekommen hat.

 

Bemerkenswert ist allerdings, dass dieser umfassende Aufschrei in der Musikmedienwelt nicht stattgefunden hat, als Heino sich das „Ave Maria" von Bach oder das „Ave Verum" von Mozart vorgenommen hat oder mit festliche klassischen Liedern durch die Kirchen zog. Erst als die Popkultur an der Reihe war, standen die Normenwärter bei Fuß und fragten nach der Lauterbarkeit des Unterfangens. Da aber waren Heino und sein Management vorausschauend professionell genug, nicht über die Fußangeln der Einklagbarkeit zu stolpern. Das Album „Mit freundlichen Grüßen" folgt den rechtlichen Regeln der Interpretation, mögen sie auch künstlerisch lapidar sein.

 

Unterm Strich erweist sich das ganze Tamtam als effektiv geplante Alterssicherung eines in der Generation U30 bislang abgemeldeten oder nur als Witzfigur bekannten Schlagersängers. Als ein Beispiel gelungenen Marketings unter Einbezug mal kooperativer, mal empörter Multiplikatoren, das nach der ersten Runde des Wunderns nun mit allerlei eigenartigen Meinungs-Statements des Künstlers nachlegt. Mit ein bisschen Glück köchelt diese Kuriositätensuppe noch so lange, bis ordentlich CDs verkauft und Konzerte ausgebucht sind. Dann kann Heino in diesem Sommer durch die Hallen ziehen und als Botschafter des schlichten Geschmacks über alle jene triumphieren, die ihn immer missachtet haben. Denn dann sitzen Omas wie Enkel in den Hallen und jubeln, die einen aus Überzeugung, die anderen in der Hoffnung auf den Johnny-Cash-Effekt der altersweisen Läuterung mit einem Lächeln der Ironie auf den Lippen.

 

 



Mittwoch, 21.November 2012. Konzerte

Till Brönner, Bobo Stenson und Ravi Coltrane

Till Brönner (dombr)

Es gibt Abende, da kann man sich vor lauter Angeboten kaum entscheiden, wohin man gehen soll. Der 20.November beispielsweise war so ein Termin. Es fing an mit Till Brönner in der bestuhlten Muffathalle. Der Ganymed der deutschen Jazztrompete war mit seinem aktuellen, vokalfreien, soulig groovenden Programm unterwegs und präsentierte souveränes Entertainment mit kleinen Schönheitsfehlern.

 

Denn im Prinzip war er mit einem ausgezeichneten Quintett und Koryphäen wie dem Drummer Wolfgang Haffner und Saxofonist Magnus Lindgren unterwegs, das jedoch einen derart lauwarmen Keyboarder im Team hatte, dass manches der intendierten Energiefelder am drögen Klingeln des Fender Rhodes' scheiterte. Der Rest allerdings war ein präzise dramaturgisch gestaltetes Konzertprogramm, das mit subtiler Steigerung und beachlichen solistischen Ausflügen zum Ende hin die Leute in der Halle doch noch zum Jubeln brachte.



Bobo Stenson (dombr)

Weit mehr Enthusiasmus legte in nur wenige Fußminuten entfernten der Unterfahrt der schwedische Pianist Bobo Stenson an der Tag. Längst als solide Größe des skandinavischen Jazz etabliert, ist er zur Zeit vorwiegend mit dem Kontrabassisten Anders Jormin und dem Schlagzeuger Jon Fält unterwegs, um das Programm seines neuen Albums vorzustellen. 

 

Vorteil dieses eingespielten Teams ist die wunderbare Sicherheit, mit der das Trio sich der Binnendifferenzierung von Kompositionen widmen kann. Hier sind drei Musiker am Start, die den gleichen Humor teilen, ein ähnliches Gespür für das Jonglieren mit Freiheit und Festlegung haben und auf diese Weise die Musik laufen lassen können. Dabei gelingt es Stenson, so viel Bedeutung in das Spiel zu legen, dass das Publikum vom Gefühl des großen Moments umgeben wird, um dann wenig später mit seinem Lächeln im Gesicht diese Schwere wieder in fröhliche Leichtigkeit aufzulösen.



Ravi Coltrane (dombr)

Der dritte Star des Abends schließlich gab sich im Night Club des Bayerischen Hofs die Ehre. Der Saxofonist Ravi Coltrane war von New York mit einem jungen und herausragenden Quartett angereist, das dokumentierte, wie viel Freiraum im Modern Jazz der Gegenwart steckt. Denn auf der einen Seite behielten Coltrane, der Pianist David Virelles, der Bassist Dezron Douglas und der Drummer Jonathan Blake die groben formalen Muster der improvisierenden Moderne bei und blieben innerhalb des Rahmens songbetonter Kompositionen.

 

Auf der anderen Seite aber relativierten sie andauernd die Vorgaben, schufen wild groovende rhythmische Netze, komplex ineinandergreifende und zugleich locker fließende Musik, die das Prinzip der Improvisation auf einer abstrakten Ebene des Verständnisses weiterführte. Das war faszinierend intensiver Jazz und eindeutig eine Steigerung zu den beiden vorangegangenen Konzerten.

 

 

 

 

 



Dienstag, 16.Oktober 2012. Konzert

Ibrahim Maalouf @ Ampere

 

Auf einem Barhocker sitzt Ibrahim Maalouf und erzählt den Menschen im Münchner Ampere von seinen ersten Erlebnissen als Teenager im Libanon, als er in einer Waffenpause aus dem französischen Exil in seine Heimat zurückkehrt. Es ist die Einleitung zu „Beirut", einem Viertelstundenepos, mit dem der Trompeter seine widersprüchlichen, ratlosen Empfindungen versucht, in Musik zu fassen. Überhaupt hat dieser Abend viel mit Gegensätzen zu tun, die die Welt von Ibrahim Maalouf prägen. Er selbst Spross einer Musikerfamilie – der Vater gilt als Pionier der arabischen Trompete, die Mutter hat als Konzertpianistin einen Namen – hat er doch mit dem klassischen Ambiente der Kunst wenig am Hut. Man hört seinem brillanten Ansatz, seiner perlenden Geläufigkeit an, dass er mit der Akademik vertraut ist. Aber Ibrahim Maalouf sucht nach anderen Wegen, seine Identität zu finden.

Einer der erstaunlichsten Trompeter der Gegenwart: Ibrahim Maalouf (dombr)

Resultat dieses Unterfangens ist eine zum einen ungewohnt polystilistische Klangwelt, auf der anderen Seite aber das organisch wirkende Ineinandergreifen dieser Kräfte, die in Maaloufs Person begründet sind. Seine Musik hat Arabisches und Amerikanisches, Kuba und Funk, Balkan und Soul im Stammbaum. Sie bringt Rocksound und Kammerfolk, Ambient und Ekstase zusammen, und präsentiert dem Publikum auf diese Weise eines der aufregendsten und bewegendsten Konzerte des Jahres. „Ich bin ein Besessener", meint er in einer Ansage, „und ich muss daher auch besessen spielen". Für Ibrahim Maalouf ist diese Haltung nicht Koketterie, sondern Elixier. Sie sorgt dafür, dass aus dem Eintopf ein Menü wird, das die Zutaten aus aller Welt stimmig verknüpft. Das ist famos und müsste eigentlich dafür sorgen, dass der gerade 32jährige Ibrahim Maalouf demnächst ganz vorne in der Szene mitmischt.

 

 



Montag, 15.Oktober 2012. Konzerte
Adam Baldych & Gregory Porter @ Unterfahrt

Adam Baldych, einer der erstaunlichesten Geiger des Jazz (dombr)
Ahmed El-Salamouny (dombr)

Es gibt Leute, die meinen, so einen Geiger wie Adam Baldych hätten sie noch nie erlebt. Tatsächlich fällt der jungen Pole mit seiner Kunst aus dem Rahmen. Nicht dass er die Jazzvioline an sich revolutionieren würde, da waren wahrscheinlich manche Kollegen von der freien Front einst weiter vorn. Aber die Intensität, die Kraft, der Nachdruck, und letztlich auch die Virtuosität, mit der Baldych sich an Werk macht, ist ebenso ungewöhnlich wie mitreißend. Da spielt einer, als ginge es um sein Leben, und hat dabei einen Ton, der weit entfernt vom schmächtigen Sound der klassischen Kollegen mühelos mit einer Gitarre mithalten könnte. Als Voreröffnung des Einstein Kultur, der programmatischen Neubesetzung des kompletten Gewölbeareals, in dem auch die Unterfahrt liegt, spielte Baldych am Freitagabend jedenfalls ein mitreißendes, charismatisches Doppelkonzert mit dem Duo des Saxofonisten Gabor Bolla und des Pianisten Robert Lakatos, die ihrerseits ausgezeichnet harmonierten, angesichts der Präsenz von Baldych und dessen Quartett allerdings ein wenig in den Hintergrund traten.



Gilson de Assis (dombr)

Der zweite Eckpunkt dieses langen Wochenendes, bei dem das Einstein Kultur in der Nähe des Münchner Max-Weber-Platzes neben Improtheater, Kabarett, Workshops und Talkrunden auch ein filigran groovendes Brazil-Konzert des Gitarristen Ahmed El-Salamouny mit dem Perkussionisten Gilson De Assis erlebte, war der Auftritt des derzeit hoch gelobten kalifornischen Sängers Gregory Porter. Der Mann mit der Mütze erwies sich als charmant souveräner Entertainer mit sonorem Bariton, der mit etwas Johnny Hartman und einer Prise Kurt Elling im stilistischen Ränzel seine eigenen Lieder vortrug. Das war letztlich alte Schule, mit solidem soulgroovenden Quintett als Basis, das sich in kraftvollen Passagen mit viel Nachdruck zu steigern verstand. Es war aber nichts, das über den Tellerrand des Genres hinausblickte. Musste letztlich auch nicht sein. Das Publikum in der Unterfahrt feierte Gregory Porter trotzdem, denn mit seiner Mischung aus bekannter Ästhetik und Spaß am Bühnengeschehen sorgte er dafür, dass kaum einer den Raum unbeschwingt verließ.



Gregory Porter, der Mann mit dem Honig in der Stimme (dombr)

 

 

Freitag, 5.Oktober 2012. Konzert

Stéphane Belmondo Quartet @ Unterfahrt

Stéphane Belmondo, der Sanfte unter den Kräftigen (dombr)
Kirk Lightsey, der Fröhliche (dombr)

Hierzulande kann so etwas vielleicht Till Brönner: im Kern Altbekanntes spielen, dabei aber nicht altbekannt wirken. Frankreich hat für solche Fälle Musiker wie Stéphane Belmondo. Denn der Trompeter, den es von seiner Heimat an der Côte D'Azur zunächst nach Paris, dann nach nach New York verschlagen hat, ist ein Meister der Retrospektive. Sein Sound ist an Vorbildern von Freddie Hubbard bis Lee Morgan oder manchmal auch Kenny Dorham orientiert, seine stilistischen Präferenzen liegen bei Soul Jazz, Blues und dezenter Moderne. Dabei ist er ein bemerkenswerter Solist, der weite Bögen spannt, viel zu erzählen hat und zuglech wenig Neues mitteilt.

 

Das ist auch nicht nötig, denn sein Quartett folgt ihm in der Münchner Unterfahrt mit viel Empathie genau in diese musikalischen Regionen. Der 75jährige Kirk Lightsey erweist sich am Klavier als humorvoller, bluesgetränker und souldurchwirkter Bopper mit viel Freude an opulenten Harmonisierungen, Bassist Sylvain Romano ist ein solide groovender Sekundant mit Neigung zu kraftvollem Spiel und Trommler Laurent Robin ein Bolzer, dem manchmal ein wenig akustisches Feingefühl fehlt. Unterm Strich wurde es auf diese Weise ein virtuos nostalgischer Abend mit dem Link in die Ära der Lässigkeit, als Jazz mit großer Selbstverständlichkeit noch die Hipster unterhielt.



 

Freitag, 28.September 2012. Konzert

Vein & Dave Liebman @ Unterfahrt

Dave Liebman und sein liebstes Stück, das Sopransaxofon (dombr)

Neu ist das nicht. Muss es auch nicht sein, schließlich hat Dave Liebman bereits mehrfach in seiner Künstlerbiografie bewiesen, dass er in der Innovationsliga des Jazz mitmischt. Er ist nach Steve Lacy der markanteste Sopransaxofonist der Generation nach Coltrane, ein Souverän der Gestaltung, der die Avantgarde ebenso verinnerlicht hat wie die Errungenschaften der Tradition. Konsequenterweise ist der inzwischen 66-Jährige auch nicht mehr mit den Big Names unterwegs, sondern spielt mit Bands wie dem Schweizer Trio vein, das ihm Kraft gibt, ihn rahmt und sich die Eitelkeiten der Berühmtheiten spart. Das Konzert in der Münchner Unterfahrt war daher einerseits ein Labor der musikalischen Modernität, das viele Facetten des Spiels an der Grenze zur ungebremsten Freiheit präsentierte. Es war aber auch ein Manifest des Bestehenden, denn Dave Liebman lehnte sich mit Genuss in die Musik zurück, die sein Team um ihn herum erschuf. Das Trio der Brüder Arbenz und des Bassisten Thomas Lähns erwies sich als ebenso experimentell versiert wie fundamental formgebend, so dass trotz weiter stilistischer Ausflüge der Abend sein Zentrum nicht verlor. Genuss für Fortgeschrittene.



Montag, 23.Juni 2012. Festival

Münchner Jazzsommer @ Bayerischer Hof

Der alte Herr der MPB - Gilberto Gil beim Animieren (dombr)
Indische Melancholie - Hussain (dombr)

Ein bisschen schmunzeln musste man schon: Ginger Baker als Swingdrummer im Club? Das ist ein Abschluss des Münchner Jazzsommers mit Kuriositätenfaktor. Darüber hinaus aber war einiges von Dave Holland über Marc Ribot bis Zakir Hussain und Gilberto Gil geboten, was die Münchner Musiklandschaft bereicherte. Dabei erwies sich das Team des Münchner Edelhotels als wandlungsfähiger denn je. Allein die Idee, den Club mit Räucherstäbchen zu befeuern und mit Decken auszulegen, um Meister Hussain und dessen Fans das passende indische Gefühl zu implantieren, war ein Novum mit einer Prise Freakyness. Dass er selbst dann nicht nur famos entrückte Musik und ein wenig Ironie bot („Im ersten Teil haben wir hauptsächlich nordindische Rhythmen gespielt. Im zweiten Teil handelt es sich eher um südindische Sachen" - Frage: Wer hat's im Club gemerkt?), gehörte zu den amüsanten Episoden am Rande.



Ribot, der Jazz-Häcksler (dombr)

Tatsächlich aber war die Trefferquote ausgezeichneter Konzert in diesem Jahr besonders hoch. Gilberto Gil beispielsweise kam zum Eröffnung mit einem kammerethnischen Quintett einschließlich seines Sohnes Bem an der Zweitgitarre und Jaques Morelenbaum am Cello, um mit der Aura des Szene-Gurus einmal die Runde durch die brasilianische Popmusik zu machen. Melodien von Jobim bis Veloso waren dabei, durch den Gil-Filter des rhythmisch Filigranen gesehen und mit viel Charme und Atmosphäre interpretiert. Dave Hollands neues Quartett wiederum erwies sich als Laboratorium der intellektuellen Ekstase, mit einem ungemein symbiotisch agierenden Team aus Craig Taborn, Kevin Eubanks und Eric Harland. Marc Ribot schließlich lies mit seinen Postizos schlicht die Sau raus, wunderbar beiläufig subversiv und voller Spaß an der Dekonstruktion musikalischer Mythen. Allein diese Konzerte haben schon gezeigt, dass der Jazzsommer ein wichtiger Bestandteil des Münchner Kulturlebens ist. Denn Mainstream hört sich anders an.

Jenseits von Gut und Böse - Ginger Baker spielt Jazz (dombr)

 

 

 

Freitag, 13.Juli 2012. Konzert

Esperanza Spalding @ Alte Kongresshalle München

Auratikerin des Konzeptuellen: Esperanza Spalding (dombr)
Ganz bei sich in München (dombr)

Viel wurde geschwärmt auf den Kulturseiten der vergangenen Wochen. Über Esperanza Spalding, Hoffnungsträgerin einer Musik, die nicht immer Jazz heißen will. Jetzt war sie in Deutschland und stellte ihr aufwändiges Bühnenprojekt Radio Music Society vor - und hinterließ ein wenig Verunsicherung. Denn auf der einen Seite war grandios, was sie mit ihrem elfköpfigen Ensemble zu bieten hatte. Es war Programmmusik auf hohem Level, assoziativ wirkendes Klangkreisen um einen Themenzyklus aus Emotion und Selbstfindung, Neugier und ästhetischer Entdeckungsreise, geklammert durch die Idee, das Radio als liebgewordene kulturelle Errungenschaft nicht der Beliebigkeit des Netzkonsums und damit dem Vergessen preisgeben zu wollen. Ein wenig flüchtig wirkte die Musik, nicht wirklich eingängig, dafür stilplural und mit ein Vielzahl von Einfällen durchsetzt. Sie wurzelte im Funk der Fusion-Ära ebenso wie in der elaborierten improvisierenden Orchestersprache, hatte amerikanische Kirchenmusik ebenso im Stammbaum wie eine Prise Südamerikanisches, etwas Neutönendes und polyrhythmisch vertrackten Modern Jazz.

Die Band im Griff: Esperanza Spalding (dombr)

Erstaunlich daher die Begeisterung des Publikums, dem fordernde Komplexität ohne eindeutige Hörerfahrungsanker vorgesetzt wurde. Und doch auch wieder nicht, denn Esperanza Spalding erdete die Musik durch ihre Person. Künstlerisch viel zu weit draußen, um sich noch wirklich mit Konventionellem zufrieden geben zu können, präsentierte sie sich nicht nur als ausgezeichnete Bassistin und stellenweise erdenferne Sängerin, sondern als jemand, der gar nicht anders kann, als die Grenzen von Groove, Struktur, Zusammenhalt zu erkunden und zu transzendieren. Das mündete mal in Trance, mal in Überfrachtung, aber auch in ein Lächeln, das von innen kam. Genau das aber bezauberte die Menschen, die in Scharen zu Esperanza Spalding gepilgert waren.

 

 

 

Montag, 2.Juli 2012. Konzert

Lou Reed @ Tollwood

Kaum Lächeln für Fans: Lou Reed (dombr)

Wirklich gewundert hat es kaum jemanden. Denn singen konnte Lou Reed eigentlich noch nie. Er war immer schon der Greiner und Parleur, der schnoddrige Texte zum Besten gab und mit einem Hang zum Diventum den eigenen Mythos des kunstsinnig Anarchischen nährte. Beim letzten Konzert seiner Deutschlandtournee in der Saturn-Arena auf dem Münchner Tollwood allerdings spannte er den Bogen noch einmal besonders weit, zum einen inhaltlich, aber auch interpretatorisch. Das Repertoire reichte, dem Motto der Retrospektive „From VU To Lulu" folgend, einmal von „Waiting For A Man" bis hin zu „Mistress Dread", also vom halbstarken Intellektuellen der späten sechziger Jahre bis zum Literatur-Verwurster der Gegenwart. Sein einziger wirklicher Hit „Walk On The Wild Side" durfte auch nicht fehlen, ein wenig launisch vom Meister dahingeredet, schon beinahe genervt davon, dass er von vielen im Publikum vor allem mit diesem in seinen Augen beiläufigen Liedchen in Verbindung gebracht wird. Und tatsächlich war das Konsequente seines Auftritts vor allem für die Diskurs-Chirurgen im Publikum ein Genuss. 



Junge Band ohne Schmiss: Lou Reed und einer der Zweit-Ligisten (dombr)
Knorriger geht kaum: Lou Reed (dombr)

Denn Lou Reed verweigert sich noch immer, systematisch und mit Absicht. So genau er jede Textzeile vom Teleprompter zu seinen Füßen abliest, so wenig will er auf der anderen Seite die Aura der Perfektion ausstrahlen. Er könnte mit erstklassigen Musikern auf Tournee gehen, hatte aber ein Septett an seiner Seite, das weder die Haltung noch die Darstellung seiner Musik im Griff hatte. Die gedehnten Zwei-Akkordnummern der frühen Jahre beispielsweise entbehrten langer Spannungsbogen, wurden zu drögen Klangteppichen und bei den ambitionierten Heavy-Adaptionen des Wedekind-Dramas scheiterte die Band gar offensichtlich und unüberhörbar (auch Metal will gelernt sein!). Aber das wiederum passte zu Lou Reeds Konzept der latenten Verweigerung des Offensichtlichen. Sein Auftritt hatte nichts Nostalgisches, sondern unterstrich, dass er sich auch als Siebzigjähriger noch immer als Freak versteht. Die sonst häufige Larmoyanz oder Sentimentalität des gerontischen Pop fehlte ihm völlig. Lou Reed ist sich treu geblieben.



 

 

Montag, 25.Juni 2012. Konzert

Chick Corea & Bobby McFerrin @ Philharmonie

Bobby McFerrin & Chick Corea bei der Probe (dombr)
Corea, die Tasten im Blick (dombr)

Konzerte wie diese sind auch für Chick Corea und Bobby McFerrin ein Vergnügen. Denn genau genommen müssen die beiden sich nicht wirklich anstrengen. Sie können aus dem schöpfen, was sie über Jahrzehnte hinweg an Erfahrungen und Repertoire angesammelt haben, und müssen sich bestenfalls vor dem Konzert ein wenig absprechen. So machen sie es dann auch und erhalten sich auf diese Weise in der Münchner Philharmonie die Energie des produktiven Dialogs, der auf sicherer Basis ein bisschen Schwadronieren erlaubt. Das Schöne ist dabei, dass selbst im Fall von Jazz-Standards, die man eigentlich schon oft genug gehört hat, den beiden Charmeuren noch etwas Unterhaltsames, manchmal sogar Verschmitztes einfällt. An anderer Stelle geht „Autumn Leaves" gar nicht mehr, weil in tausenden von Session totgenudelt. Corea und McFerrin jedoch machen daraus wieder das kleine, melancholisch jazzgetönte Chanson, das Joseph Kosma einst im Sinn gehabt haben muss.

McFerrin, Kapriolen im Sinn (dombr)

Vor allem aber darf man nicht vergessen, dass bei aller Konventionalität des Repertoires und Freundlichkeit der Interpretation beide Künstler immer noch Koryphäen ihres Fachs sind. Keiner singt bislang wie Bobby McFerrin, hat die nahtlosen Registersprünge und rhythmischen, wortlos improvisierenden Ornamentierungen vergleichbar pointiert in seinem Portfolio. Kaum einer sonst kann mit ähnlich nonchalanter Lässigkeit die Klassiker der pianistischen Moderne von Debussy bis Tatum in seine neoromantischen, durchaus swingenden Phrasierungen einfließen lassen wie Chick Corea. Das hat Klasse und zeigt in einzelnen Momenten – bei den jeweils unbegleiteten Solo-Passagen etwa oder dem feinsinnig gefächerten „Spain" -, dass in diesem Duo noch weit mehr Potential verborgen ist. Doch darum geht es nicht in der Philharmonie. Das ist kein Raum für Experimenten, sondern ein Saal der Hochkultur, wo der Großvater schon einmal seine Enkelin mitnimmt, um ihr mitreißende, verständliche Musik zu präsentieren. Ein Raum, um Begeisterung zu vermitteln, die womöglich in den digital kunstentwöhnten Alltag hineinstrahlt. Und das haben Corea und McFerrin mit einem Lächeln im Gesicht in jedem Fall geschafft.



 

Dienstag, 12.Juni 2012. Kommentar

Jazzdebatte, oder?

Jazzdebatte? Bitte? (Mark Dresser @ Unterfahrt, rdo)

Debatten sind etwas Seltsames, so sie denn künstlich herbeigeführt werden. Für kurze Zeit lodern die Emotionen, man wirft sich Meinungen um die Ohren, agiert und reagiert vor dem Hintergrund von Provokationen, die Haupt-, Neben- und Selbstdarsteller aus der Reserve locken. Und dann? Die Flamme des Interesses flackert noch ein wenig, glimmt und endet schließlich einem kleinen Häufchen Asche, dessen Rauchzeichen verwehen. So jedenfalls scheint es der Jazzdebatte zur Zeit zu gehen, die vom publizistischen Nebenschauplatz des Kulturinfarkts wieder zum Alltag der kleinen, fragmentierten Grabenkämpfe um Publikumsgunst und Fördermittel übergeht.

 

Dabei hätte es doch einiges zum Diskutieren gegeben. Vor gut einer Woche wurde beispielsweise zum immerhin dritten Mal der Echo Jazz verliehen, mit einigem Showgetöse in Dresden in der Gläsernen Manufaktur. Erstaunlich wenig Meinungsstarkes aber war dazu zu lesen. Die Leitmedien hielten sich zurück, wo doch eigentlich ein Zwischenresümee angestanden hätte, über einen Preis etwa, den die Musikindustrie allem Gegenwind schwindenden Umsatzes zum Trotz mit Selbstbewusstsein vergibt. Man hätte über einige Sieger sogar richtig streiten, eine Grundsatzdiskussion führen, Stilistisches erörtern, Polemiken formulieren können. Aber bis auf ein paar verschnupfte Kommentare in Foren wie bei Focus online war abseits der Fachpresse kaum etwas zu vernehmen.

Craig Taborn Trio, unlängst @ Unterfahrt (rdo)

Der Echo Jazz wurde als Branchenmarginalie wahrgenommen, manchen nicht einmal eine Meldung wert. Und das, obwohl nur wenige Wochen zuvor der Jazz ein immenses Thema zu sein wähnte. Noch ein Beispiel. In diesem Sommer bekommt der Jazzclub Unterfahrt den Musikpreis der Stadt München überreicht. Die alle drei Jahre verliehene Auszeichung ist die wichtigste Würdigung ihrer Art, die München vergeben kann, und es ist nicht selbstverständlich, dass der Preis einer Live-Bühne zugesprochen wird, die sich für die improvisierende Musik stark macht. Aber auch hier bleibt die Resonanz verhalten. Berichte? Bislang kaum. Analysen? Szene-Features? Hintergrundgeschichten? Fehlanzeige. Vielleicht kommt noch etwas, wenn der Preis Mitte Juli offiziell übergeben wird. Aber insgesamt gibt es kaum Substanzielles zu diesem doch bemerkenswertem Votum einer Stadt zu lesen, die sich als eine Hauptstadt der Kultur versteht.

 

Quo vadis, also, Jazzdebatte? Bislang zumindest nicht nach vorne. Vielmehr scheint alles wieder seinen gewohnten Gang zu gehen. Musiker veröffentlichen mit ungebrochener Gestaltungslust Tonträger, Festivals locken mit umfassenden Programmen, Clubs kämpfen mit oft hochkarätigen Konzerten gegen Fußball, Sommersonne und Urlaubsflaute. Ein paar Spezialisten machen sich Gedanken darüber, was Jazz sein könnte, und die meisten Zuhörer entscheiden einfach, ob ihnen etwas gefällt oder nicht. Eine Debatte ist das nicht. Ein Strohfeuer war es vielleicht, wenn nichts mehr kommt.

Focus online

waz online

Musikpreis der Stadt München

 

 

Dienstag, 22.Mai 2012. Kommentar

Das Recht am Content 

Die Diskussion wird immer grotesker. Gestern beispielsweise widmete das TV-Magazin Kulturzeit eine ganze Sondersendung der Diskussion um das Urheberrecht und war doch nicht wirklich in der Lage, die Fragen zu packen. Da formulierte ein leidlich naiver Bruno Kramm als Bosshoss der Piratenpartei Allgemeinplätze von der Freiheit im Netz und dass man ja doch gar nicht den Kreativen an den Karren pinkeln wolle. Dezent larmoyant näherte sich Frank Spilker von der Combo Die Sterne an das Regener-Statement an, Künstler seien eben vor allem uncool, wenn sie darauf bestünden, dass sie von ihren Einfällen leben wollten.

 

Die Schriftstellerin Tanja Dückers wiederum fand den Impetus des Demokratischen durchaus lobenswert, stellte aber auch zur Debatte, dass Autoren eine Industrie im Hintergrund bräuchten, um wirklich kreativ sein zu können. Lauwarm das Ganze, gewürzt von Live-Chat-Kommentaren, die das Recht auf totalen Konsum und das Internet als eigentlichen Ort der Kunst beschworen. Lauwarm das Ganze, weil auch hier wieder an der Oberfläche der Erscheinung gekratzt wird, ohne dass eine Diskussion darüber geführt wird, was es denn eigentlich bedeutet, wenn digitalisiertes Kulturgut als Gratis-Ware definiert wird.

 

Lustig dann der Blick in die Morgenzeitung. Da kombiniert ein Autor im Feuilleton der SZ die Idee des Urheberrechts mit dem Commoning à la Elinor Ostrom, also einer Art Sozialisierung von geistigen Leistungen zugunsten einer globalen Netzgesellschaft, und darüber hinaus – streng postmodern – mit Berliner Guerilla-Gärtchen, dem charmant spießigen Kleinbürgerwiderstand gegen die vermeintlichen Segnungen des Urbanen (erinnert sich noch jemand an die „Obstkolonie Eden"?). Die Idee ist vage – da muss wohl irgendwo ein Diskurs sein, der an übergreifende Strukturen anknüpft, nur worin besteht der bloß? - aber sie geht in die richtige Richtung, sich vom Schaulaufen der Institutionen zu emanzipieren.

 

Auch das hat man in letzter Zeit hie und da gelesen: dass es Weltkonzerne gibt, die prächtig an der geistigen und kreativen Leistung anderer verdienen (die sie konsequenterweise Content nennen), aber nicht die Bohne daran denken, von diesen Gewinnen etwas abzugeben. Letztlich ist die Rechnung ja vergleichsweise schlicht. Die Geräteindustrie hat ein Interesse daran, ihre Produkte zu verkaufen. Diese werden attraktiv, wenn sie viel können und im Vergleich zu früheren Baureihen einen Mehrwert darstellen. Mehrwert entsteht durch kostenlosen Konsum, zumeist quantifiziert, weil das menschliche Denken sich häufig an der Menge, nicht an der Qualität orientiert. Er wird gewährleistet von Verteilungsplattformen, die der Geräteindustrie mit eigener Gewinnabsicht zuarbeiten.

 

Um etwaigen Ansprüchen entgegen zu wirken, wird von den Zuckerbergs dieser Welt die Demokratie der Verteilung als Maxime des Handelns beschworen, auf die die sogenannten Netzaktivisten, die selbst in der Regel Maximalkonsumenten sind, gerne ihre Legitimation aufbauen. Ein schöner alter Wert des Abendlandes als virtueller Schlüssel für die Zukunft, raffiniert eingefädelt. Wer sich als Künstler dagegenstellt und darauf beharrt, dass das, was er seinem Hirn entwringt, auch honoriert werden sollte, wird damit mindestens zum Reaktionär, wenn nicht gar zu einem Hindernis im Wettlauf des ungehinderten Konsums. Und darf daher in der Konzernlogik umgangen werden, zumal sich auf diese Weise gleich noch andere Konkurrenten, Plattenfirmen zum Beispiel oder Verlage, ausschalten lassen, die doch nur diesem konservativen Modell hinterher hechelten.

Irgendwo da am Ende der Diskussionsschlange kommen die Künstler, Autoren, Musiker vor, zumeist als Argument gegen die Freiheitlichkeit des Internets, funktionalisiert von allen Seiten der Industrie. Und leider sind diese Kreativen wiederum inkonsequent genug, nicht einfach kollektiv ihre Arbeit einzustellen. Die ewigen Wurschtler laborieren weiter, versuchen es allen irgendwie Recht zu machen, indem sie sich dem Verwertungssystem anpassen, Nischen suchen oder resignieren.

 

Damit aber setzt sich eine nach unten offene Spirale der Missachtung in Gang: Kultur, die nichts kostet, ist nichts wert. Mit ihr darf umgegangen werden wie mit der Postwurfsendung im Briefkasten: im besten Fall durchblättern und tschüss! Die Basis der eigenen Identität wird verschenkt an die Segnungen des Konsums - das ist natürlich ein kulturpessimistischer Topos. Aber er wird mehr und mehr Bedeutung bekommen. Denn wenn erst China und Indien, die Länden der Kopisten, der Geräteindustrie ernsthaft Konkurrenz machen und die Geldströme ganz woanders hin fließen, dann werden die Auguren des Niedergangs mit einem Mal fragen, wo denn der eigene Wert geblieben ist. Im Content? Im Kostenlosen?



Kulturzeit, Video-Link zum Urheberrechts-Special

Obstkolonie Eden



 

 

Mittwoch, 16.Mai 2012. Konzert

Oz Noy @ Bayerischer Hof

Oz Noy @ Bayerischer Hof (rdo)

In der Pause kam so mancher Gitarrist zur Bühne, um einen Blick auf die Phalanx der Fußschalter zu werfen, in der Hoffnung, dann ein wenig besser zu verstehen, wie Oz Noy diese verflixt ausgecheckten Sounds zustande bringt. Es half aber nicht. Der Mann blieb ein Rätsel. Er spielte souveräner als die meisten seiner Kollegen und machte dabei den Eindruck, nur ein wenig an seiner Stratocaster herum zu probieren.

 

Nebenbei lieferte er noch eine mögliche Lösung, wie man aus der Fusion-Vergangenheit eine blues-funkige Gegenwart machen kann. Zu den Ingredienzien des Rezepts gehörten eben jene verblüffende Selbstverständlichkeit im Umgang mit Effekten, die ohne als Blendwerk zu erscheinen vom Loop bis zum Störgeräusch alles einbauten, was die Klangerscheinung bunter, abwechslungsreicher gestaltete. Das reichte von extremem Chorus bis zu zerhackstückten Noise-Elementen, die als Kontrast zu den klaren Sounds seiner Themen dienten. Und die wiederum auf der Ebene der Komposition mit ähnlichen Mustern der Relativierung jonglierten.



Dave Weckl @ Bayerischer Hof (rdo)
James Genus @ Bayerischer Hof (rdo)

Zweiter wichtiger Bestandteil: Perfektion. Zum einen hatte Oz Noy selbst die Übersicht und verarbeitete von barocken Linienführungen bis zu herben Bluesphrasen ein umfassendes Stilinventar mit der Tendenz zu groovender Abstraktion. Darüber hinaus war er mit zwei Weltmeistern unterwegs, die jeder für sich ein musikalisches Erlebnis waren und mit dem Bandleader - trotz vollgepackter Notenblätter - auf berauschend intuitive Art harmonierten.

 

James Genus, Bassgitarrist mit sonor bloppendem Fünfsaiter, pflegte eine eigenwillige Mischung reflektierter Trance, die ihn gleichzeitig präsent und entrückt wirken ließ. Dave Weckl wiederum war das personifizierte Funk-Metronom, ein Präzisionsfetischist, für den rhythmische Komplexität und wirbelnde Kraft eine persönliche Herausforderung darstellt. In der Kombination wurde daraus ein harter Brocken, der viel Spaß und reichlich Hausaufgaben nicht nur für die mitbrachte, die in der Pause zur Bühne kamen und rätselten.



 

 

Montag, 14.Mai 2012. Konzert

Paolo Conte @ Philharmonie

Paolo Conte @ Philharmonie (rdo)

Cool ist der falsche Ausdruck. Eigentlich ist Paolo Conte eher ein ernsthafter, ein wenig wunderlicher Sonderling, der es geschafft hat, seine Art zum Markenzeichen zu stilisieren. Und doch wirkt es ungemein lässig, wie der 75-jährige Zeremonienmeister aus Asti in der Mitte seines Salonorchesters sitzt, ein Team aus perfekt funktionierenden Musikern dirigiert und dabei knorrige Lieder über die Liebe und die Verfehlungen des Alltags anstimmt.

 

Es ist die Inszenierung eines Entertainment-Profis, perfekt bis ins Detail, wie man an den präzises Einsätzen oder den fliegenden Instrumentenwechseln ablesen kann. Die Dramaturgie der Repertoiregestaltungen ist sorgfältig und dezent spannungssteigernd gewichtet, auch hier kommt Conte die Erfahrung eines langen Bühnenlebens zugute.

 

Denn das wird in der Münchner Philharmonie schnell klar: Auch wenn da einer singt, als wären die Melodien und Worte eben erst dem schweifenden Geiste des Cantautore entschlüpft, so sind die Lieder doch sorgsam konstruierte Miniaturen imaginärer Authentizität. Conte spielt mit den Erinnerungen, mit Mustern der Nostalgie, die für ihn mit Varieté und Swing, Kaffeehaustango und Canzone zu tun habe.

 

Paolo Conte @ Philharmonie (rdo)

Er murmelt seine Geschichten mit der Attitüde eines der Einsamkeit entrissenen Eremiten, der eben, weil alle es wollen, den Rest des Saals an seiner Betrachtungen teilhaben lässt. Da diese Weisen nun wiederum eingängig und verständlich klingen, sogar zuweilen mit einem „Dabidabida" garniert werden, das auch ohne profunde Italienischkenntnisse die Atmosphäre des Ungezwungenen vermittelt, wirkt das Conte-Universum so stimmig und wunderbar anschmiegsam an die Sehnsüchte des mentalen Urlaubers.

 

Natürlich weiß der Barde, dass er seine Hörer ein wenig an der Nase herumführt und Idyllen konstruiert, die nur in der Musik funktionieren. Deshalb gibt er sich auch gar nicht erst mit Ansagen ab, sondern beschränkt sich auf die Aura der Klänge. Die aber funktioniert auch nach Jahren des Erfolgs noch immer so gut, dass ihn das Publikum enthusiastisch feiert.



 

 

Sonntag, 6.Mai 2012. Wettbewerb

BMW Welt Jazz Award 2012, Finale

Mathias Eick @ BMW Welt (rdo)

Immer das Gleiche mit Äpfel und Birnen. Zum Schluss hatte die Jury, wie schon einst bei Youn Sun Nah, zwei Bands ins Finale geschickt, die nicht wirklich vergleichbar waren. Auf der einen Seite der norwegische Trompeter Mathias Eick mit einem popgetönten Quintett, das in der Tradition von Molvaer & Co den melodischen Sphärenklang pflegt. Auf der anderen Seite das Aurora Trio des spanischen Pianisten Agustí Fernández, dem es vor allem um die Binnenkommunikation in der Band geht, deren Flow zu komplexen Motivnetzwerken führt.

 

Die beiden also traten in der Münchner Event-Zentrale um den BMW Welt Jazz Award 2012 an und sorgten damit für widersprüchliche Gefühle. Denn natürlich handelte es sich bei beiden Ensembles um ausgereifte Projekte, deren eigentliche künstlerische Darbietung nicht zu Debatte stand. Beurteilt werden konnte daher ausschließlich die Passgenauigkeit der Klangerscheinung in das Konzept des Awards.



Agustí Fernández @ BMW Welt (rdo)

Und da lag Eick vorne. Denn die Musik dieses Quintetts mit zwei Schlagzeugern, Bassgitarre und dezent psychedelisch arbeitenden Keyboards entsprach der Vorstellung gehobener und geschmackvoller Popularität, die mit diesem Preis auch ausgezeichnet werden kann. Gespielt haben sie zunächst ein wenig schüchtern, dann aber in der Zugabe, als klar war, dass sie gewonnen hatten, mit Tendenz zu rockmusikalischer Opulenz. Das hatte durchaus Kraft und Nachdruck, war aber im Vergleich zur Morgenröte des Aurora Trio der Dampfhammer der skandinavischen Nacht.

 

Agustí Fernández und seine Partner Barry Guy und Ramón López konterten mit vielschichtiger musikalischer Eloquenz. Hier wurden Geschichten erzählt, manche durchaus verklausuliert, von den Musikern aber mit immensem Spaß an der Gestaltung entwickelt. Ein eher geschlossenes System traf auf ein eher offenes, beide im Ansatz nicht neu, aber in der Durchführung brillant. So war es letztlich eine Richtungsentscheidung, Mathias Eick zu wählen. Denn es soll ja weiter gehen, im nächsten Jahr unter dem Motto „Leading Drums". Und es sollen ja auch wieder Leute, viele Leute kommen.



 

 

Mittwoch, 2.Mai 2012. Kommentar

Jazzdebatte, Fortsetzung

Manchmal hilft es, Miles zu fragen: Immer weniger schwarze Musiker spielten Jazz, und ich wusste warum: Jazz wurde langsam Musik fürs Museum. Und daran tragen viele Kritiker und Musiker die Schuld. Wer will schon vor seiner Zeit tot sein, mit einundzwanzig oder so? Das polterte der Trompeter übrigens Ende der 1980er Jahre mit Blick auf die voran gegangene Dekade in das Mikrofon von Quincy Troupe, der daraus dann die immer noch herzerfrischend lesenswerte Autobiographie des Szenehelden destillierte.

 

Dieser Tage nun lesen wir im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, dass Musiker des schwarzen intellektuellen Mittelbaus wie Robert Glasper oder Nicholas Payton noch immer an der schleichenden Historisierung und deren vermeintlichen Abfallprodukten wie der Vereinnahmung der Musik durch weiße Kollegen oder der Pluralisierung der stilistischen Ausdrucksmöglichkeiten leiden. Das ist erstaunlich, denn fragt man andere Künstler, dann wird genau diese Qualität des Jazz als seine eigentliche Stärke herausgestellt. Vergangene Woche meinte beispielsweise Marcus Miller zu mir in einem Interview auf die Frage, was er im Jazz der Gegenwart denn ändern würde:

 

Ich würde die Leute darin bestärken, zuerst ihre eigene Kultur zu entdecken. Als ich vor zwanzig Jahren in Japan war, haben dort alle Musiker versucht, wie Amerikaner zu klingen. Das war für sie sehr schwer, weil sie aus einem anderen Kulturkreis stammen. Sie tanzen anders, singen anders, gehen anders, es war eine echte Anstrengung. Wenn ich aber heute dorthin fahre, habe ich viel mehr das Gefühl, dass sie erst einmal ihr Ding erforschen und dann das hinzufügen, was dazu passt. Das finde ich sehr aufregend. Ich spiele beispielsweise auch mit türkischen Musikern und die bringen wieder ihre Vorstellungen mit. Das ist enorm spannend.

 

Einer so, der andere so. Grundsätzlich aber geht es um die Frage, ob man Jazz als offenes System versteht. Für die einen steht die Verfestigung der Musik als historische Errungenschaft, auch als Anker für die eigene kulturelle Identität im Mittelpunkt - mit dem durchaus bemerkenswerten, wenn auch bereits aus den Sechzigern stammenden Bewertungswandel, dass der einst als Race Music (auch in den Augen von schwarzen Künstlern) zuweilen gering geschätzte Jazz zum Ausgangspunkt eines oppositionellen Selbstbewusstseins wurde. Andere wiederum sind neugierig und verstehen die Welt als Chance und die Musik als einen Tummelplatz der Gleichberechtigten, die sich vor allem über ihre gestalterische Kompetenz legitimieren.

 

Begriffe aber sind flüchtig. Es ist egal, ob jemand das, was er spielt, BAM (Black American Music) oder Jazz, zeitgenössische improvisierende Musik (noch so eine verbale Holperkrücke) oder sonstwie nennt: Wichtig ist, dass er gehört wird; dass über ihn, oder noch besser über seine Kunst geredet wird; dass er etwas mitzuteilen hat und auch die Chance bekommt, seine Botschaft zu den Menschen zu bringen. Klagen hilft nicht, handeln schon eher. Wer das Gefühl hat, dass sein Jazz nichts mehr zu sagen hat, der kann immer noch künstlerisch tatkräftig dagegen angehen. Und das Feuilleton hat die große Chance, mehr als nur das Sprachrohr des Kulturpessimismus' zu sein.



 

 

Mittwoch, 25.April 2012. Konzert

Rudresh Mahanthappa @ Bayerischer Hof

Rudresh Mahanthappa (rdo)

Zwischendurch musste Rudresh Mahanthappa dann doch lachen. Da hatte er sein Loop-Programm mit einem der für ihn typischen, nervösen Saxofon-Motive gefüttert, doch der Laptop gab das Thema nur zerhackstückt wieder aus. So war Mahanthappa für einen kleinen, aber feinen Moment von dem herausgefordert, was er selbst der Musik abverlangt. Er löste den Augenblick souverän mit gegenläufigen Linien auf und doch kollidierten in diesem unvorhergesehenen Moment Konzept und Wirklichkeit.

 

Denn auf der einen Seite ist der amerikanische Saxofonist mit indischen Wurzeln derzeit eine der Kräfte, die den urbanen Sound New Yorks in eine neue Richtung ziehen. Sein bei aller Komplexität aberwitzig homogen agierendes Samdhi-Quartett ist eine Keimzelle gestalterischen Widerstands, die dem Schöngeist des Konservativen und der Launigkeit des Avantgardesken eine erstaunliche Zwischenlösung gegenüberstellt. Diese Musik ist hoch intellektuell auf der einen Seite, wirkt aber durch ihre Präsenz und ihren fordernden Charakter zugleich wie ein ästhetisches Störfeuer im Stilmagazin der Licks und kann nur mit hoher emotionaler Beteiligung auf einem derartigen Energieniveau präsentiert werden.

 

Die Spezialisten werden sagen: Klar, bei der Besetzung! - David Gilmore spielt Gitarre, Rich Brown kontert mit dem sechssaitigen E-Bass und Gene Lake mit polyrhythmischer Opulenz am Schlagzeug. Aber das ist nicht alles. Rudresh Mahanthappas Klang- und Strukturvorstellungen lassen sich am ehesten vergleichen mit Prozessoren eines Computers. Im Prinzip weiß man, wie sie funktionieren, doch die Einzelheiten kann der Normaljazzhörer nicht mehr nachvollziehen. Und genau deshalb musste Mahanthappa auch kurz lachen, als ihn der kleine Aussetzer des Laptops auf seine eigene Anspruchshaltung verwies.



 

 

Montag, 23.April 2012. Kommentar

jazzahead! 2012

Spätestens am zweiten Tag fragt man sich, wozu das alles gut sein soll. Denn die Messe hat etwas Unwirkliches. Überall nette Menschen, alle fünf Meter ein Spontanmeeting mit einem Promoter, einem Labelmanager, einem Agenten, einem Berufskollegen. Alle sind fröhlich, man klopft sich auf die Schultern, ungeachtet dessen, dass weiterhin kaum jemand Jazz auf Tonträgern kaufen oder darüber etwas in den Leitmedien lesen will.

 

Es dominiert dieses Gefühl der großen Familie, eines Kultursoziotops jenseits des Haifischbeckens, vielleicht gar eines Reservats für alle, die nicht hören wollen, was nicht sein soll. Währenddessen werden Wachstumszahlen veröffentlicht, rund 35 Prozent mehr Aussteller als im Vorjahr, werden Awards vergeben, an Siggi Loch für sein unermüdliches Musik-Engagement als Labelprofi und für Hans-Jürgen Linke, dessen journalistische Arbeit noch immer die Fahne der analytischen und gestalterischen Qualität hochhält.

 

Carles Benavent (rdo)

Die jazzahead! in Bremen hat etwas Verträumtes auf harter geschäftlicher Grundlage. Aber wahrscheinlich ist das genau der Geist der Zeit. Denn es geht nicht nur darum, die Professionals aus aller Herren Länder zu versammeln, damit sie ihre Deals abschließen können. Mindestens genau so wichtig ist es, als Leuchtturm des kulturellen Anspruchs über die Schlickfelder der konsumgetriebenen Nivellierung zu strahlen.

 

Jazz, heißt die Botschaft, ist es wert, dass Menschen um die halbe Welt reisen, um ihn zu hören und sich um ihn zu kümmern. Jazz ist etwas, was die Clubs auch in einer Stadt füllt, die nicht New York heißt. Jazz ist vor allem etwas, das mehr denn je großartige Musik hervorbringt. Von Künstlern wie Charlotte Greve oder Malcolm Braff, Florian Weber oder Edmar Castaneda, Daniel Erdmann oder Carles Benavent. Da darf man auch ein bisschen Träumer sein und sich in das Gewusel der Messehalle stürzen, um zu netzwerken, was das Zeug hält.



 

 

Mittwoch, 21.März 2012. Kommentar

Anmerkungen zur Idee der Kulturförderung

Mal ganz allgemein: „Kultur", sagt der Duden, sei die „Gesamtheit der geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen einer Gemeinschaft als Ausdruck menschlicher Höherentwicklung". Philosophisch also ist sie damit ein Komplementärbegriff zu Natur, also allem ohne menschlichem Zutun Vorhandenem und Gewachsenem. Moralisch ist sie eine Verpflichtung, über den Schonraum der Brutpflege hinaus ein dem Menschen würdiges Zusammenleben zu gewährleisten, woran sich künstlerisch anschießt, dass die daraus gewonnenen Freiräume mit intellektuellen Herausforderungen gefüllt werden können, die über die Notwendigkeiten des Arterhalts hinausreichen.

 

Kultur ist, mit anderen Worten, das, was uns vom Tier unterscheidet. Es ist ein angelerntes, weitgehend sozial ausgerichtetes Verhalten, das über die Jahrtausende hinweg vom Lagerfeuer zum Internet geführt hat. Sie ist aber vor allem etwas, das jedem Erdbewohner von klein auf aufs Neue beigebracht werden muss. Sie ist ein Wertesystem, eine spezifisch menschliche Leistung, und wenn daher derzeit über Kulturförderung gestritten wird, dann lassen sich daraus viele Schlüsse ziehen. Zum Beispiel auch, dass die grundlegende Wertschätzung von Kultur nicht ausreichend im Bewusstsein der Menschen verankert sein könnte. Sonst wäre der, der sie in ihren sublimierten Ausprägungen genießen will, auch bereit, sie in der dem Aufwand der Generierung entsprechenden Form zu honorieren (und Förderung wäre unnötig).

 

Achtung, Kulturpessimismus! Natürlich ist das ein Topos der Kulturkritik. Und doch, finde ich, dass Kulturförderung hierzulande prinzipiell zu spät einsetzt. Wer Kinder erzieht, weiß, dass sich im Laufe der ersten Lebensjahre bis hin zur Pubertät das soziale, künstlerische, ästhetische Muster im juvenilen Gehirn entwickelt, von dem aus der Mensch sein Leben lang Kultur beurteilt. Hat er im Kindergarten Qualität erlebt, hat er in der Grundschule Musik, Literatur, Kunst als originäre menschliche (und durchaus auch eigene) Leistungen kennengelernt, hat er in den Sekundarstufen sich im wachsenden Maße aktiv und reflektierend dazu in Beziehung gesetzt, dann wird er auch später die Kultur seiner Umwelt an diesen gewonnenen Maßstäben messen; und im günstigsten Fall selbst aktiv, kreativ werden oder doch zumindest, die, die es sind, entsprechend unterstützen.

 

Kulturförderung, die beim Erwachsenen einsetzt, ist daher meiner Meinung nach sekundär. Wichtig ist es vielmehr, die Grundlagen nicht aus den Augen zu verlieren, die Kultur überhaupt erst möglich machen: eine freiheitliche, aber nicht beliebige, wertorientierte, aber nicht ideologisierende, menschliche, aber nicht nachlässige Erziehung in einem Zeitalter galoppierender Komplexität der Sinnesreize. Was für eine altmodische Position! Ähnliches konnte man schon bei Rousseau lesen und selbst der alte Kant forderte die Schulung der Urteilskraft. Nur fürchte ich, hat sich in dieser Hinsicht nicht viel getan in den vergangenen zweieinhalb Jahrhunderten. Kultur ist noch immer Arbeit, im positiven Sinne von etwas produktiv menschlich Geleistetem. Nicht schlicht Konsum.

Anderer Meinung?

 

 

 

Montag, 19.März 2012

Tindersticks @ Muffathalle

Stuart Staples @ Muffathalle (rdo)

Man erwartet keine exorbitante Show von ihnen. Denn die Tindersticks gehören nicht zur Speerspitze der Bühnenclowns, die durch Aktionismus im Scheinwerferlicht auf sich aufmerksam machen. Daher hatte sich der Veranstalter auch entschlossen, die Muffathalle zu bestuhlen, um einen möglichst ungetrübten Kunstgenuss beim Abschusskonzert der Deutschlandtournee zu ermöglichen. Dass dann gegen Ende der knapp eineinhalb Stunden trotzdem manch einer am liebsten aufgesprungen wäre, liegt an einem dezenten Stilwandel, den die nachdenklichen Briten vollzogen haben.

 

Denn galten sie im Anschluss an ihre ersten drei Alben in den Neunzigern vor allem als Statthalter der Melancholie im Zeitalter der galoppierenden Oberflächlichkeit, haben sie nun zur schönen Traurigkeit eine Prise Ironie hinzugefügt. Das wird bereits beim ersten Lied des Albums „The Something Rain" klar, der Kurzgeschichte „Chocolate", die von Keyboarder David Boulter live auf der Bühne mit mehr Chuzpe rezitiert wird als im Studio ... 

Tindersticks @ Muffathalle (rdo)

... schließlich endet die saloppe Schilderung einer erotischer Eroberung mit der Erkenntnis, dass sich der Protagonist zum Schäferstündchen mit einem Transsexuellen getroffen hat, was nicht ursprünglich seine Intention gewesen war. So und auch mit musikalischen Signalen dokumentierten die Tindersticks den vorsichtigen Wandel ihrer Haltung. Denn Sänger Stuart Staples war über sein gewohnt leidendes Murmeln hinaus gut bei Stimme und vermochte kunstvoll gestaltete Steigerungen lakonisch zu lenken.

 

David Boulter spielte nicht nur bewährt kompakte Begleitungen, sondern setzte auch mit Glockenspiel, Klingeln diverser Kleinperkussion Akzente. Überhaupt waren die Arrangements wirkungsvoll entwölkt zugunsten großer Spannungsbogen, die vor allem durch Earl Harvins umsichtig eingesetztes Schlagzeug dramaturgisch Kraft entwickelten. So bot der Abend zwar keine Show im Sinne herkömmlichen Entertainments. Aber langweilig war er keine Sekunde.

 

 

Freitag, 9.März 2012. Debatte, nachgelegt

Kunst und Genuss

 

Uns geht's gut! Das merkt man unter anderem an Debatten, die versanden. Vor ein paar Wochen kochten die Gemüter, angeheizt durch ein Zeitungsartikel, die provozierten. Seitdem aber ruhen die Tastaturen. Mit gutem Grund, denn die Aufregung basierte auf einer Wahrnehmung, deren Basis Wohlstand ist. Unlängst meinte Branford Marsalis zu mir in einem Interview: Nirgendwo in der Welt interessiert sich irgendjemand für Jazz, außer eben ein paar wenigen, die sich dafür begeistern. Ein Beispiel: Im vergangenen Jahr starb Paul Motian, keinen hat es gekümmert. Oder fast niemanden. Whitney Houston stirbt und ein Aufschrei geht um die Welt. Das ist die Realität. Aber nicht nur der Jazz steckt in dieser Situation. Der Klassik geht es kaum anders, vor allem der modernen Komposition. Oder der Dichtung. Aber das ist kein Grund zur Klage. Wenn du etwas wirklich machen willst, dann mach es und sucht dir Leute, die du damit beglücken kannst!

 

Der Jazzmusiker mit Mindestlohn und Rentenanspruch ist eine Utopie. Ebenso übrigens wie der Jazzjournalist mit Sozialabsicherung, denn für dessen Arbeit interessiert sich - analog zu Marsalis Statement – ebenfalls gerade mal ein Grüppchen der Eingeweihten. Kein Grund zur Klage eigentlich, denn jeder weiß, worauf er sich eingelassen hat. Wer gelesen werden will, muss schreiben, schreiben, schreiben. Und wer gehört werden will, muss spielen, spielen, spielen. Weiterdenken könnte man allenfalls über die Ursachen des Nischendaseins.

 

Frage also: Warum interessiert sich niemand für Jazz? Mögliche Antwort: Weil kaum noch jemand weiß, was Jazz ist, wie er klingt, welche Hörerlebnisse er mit sich bringt. Abhilfe: Musiker gehen zu den Menschen und spielen ihnen vor. In Schulen, Ämtern, Vereinen, auf Marktplätzen, Straßenfesten, Jahrmärkten, überall, wo Öffentlichkeit generiert werden kann. Idealfall: Die Anwohner halten still und genießen. Zeitungen, Radioanstalten, Fernsehstationen berichten. Musiker verstehen sich als Künstler ebenso wie als Dienstleister. Sie machen sich als Teil des genießenden Lebensvollzugs unentbehrlich.

Schlippenbach, Parker (rdo)

Natürlich gibt es noch reichlich weitere Szenarien der (Re?)Integration des Jazz in den konsumkulturellen Alltag. Bis sie Wirklichkeit werden, ist aber weiter Sponsoring gefragt. Gerade konnte man in München wieder zwei Extreme dieser Unterstützung erleben. Gestern beispielsweise. Da spielten im Night Club des Bayerischen Hofs Alexander von Schlippenbach, Evan Parker und Paul Lovens ein famoses, klangintensives und wild romantisches Konzert vor gefühlten zwei Leuten. Unterstützt wurde die Veranstaltung von der Chefin des Hauses, die jazzbegeistert und unermüdlich derartige Gastspiele immer wieder möglich macht. Es ist ihre Form von Mäzenatentum, grandios für all die Connaisseure, die sich diese Termine nicht entgehen lassen. Strukturell aber handelt es sich um ein Auslaufmodell – dunkler Club, späte Uhrzeit, livrierte Kellner; Konzertanspruch trifft auf Barbedürfnisse; man macht Kunst in einem Raum, der für gehobenes Chillen und gepflegtes Abhängen konzipiert ist. Das ist das Untertagebaugefühl der Sechziger, Siebziger, genossen von ein paar Spezialisten, letztlich also Nostalgie.

Dan Tepfer (rdo)

Ganz anders im Vergleich der vergangene Sonntag. Dan Tepfer, ein hierzulande weitgehend unbekannter junger Pianist aus dem New Yorker Szene-Umkreis, spielte im Doppelkegel der BWM Welt mit seinem Trio zur Matinee. Das Konzert im lichtdurchfluteten Raum bei freiem Eintritt zog Hunderte von Hörern an und so mancher musste angesichts des Andrangs draußen bleiben. Auch seine Musik war nicht immer einfach zu hören, aber sie hatte den passenden Rahmen. Gesponsert wurde das Ganze von dem Automobilkonzern, unter anderem als Imagepflege, aber auch in Kooperation mit der Stadt München und dem Bayerischen Rundfunk, die dem Konzert zur passenden kulturellen Verankerung verhalfen. Dahinter steht ein Eventkonzept, das auf Allgemeinheit zielt – und funktioniert. Die Menschen strömen, hören sich Musik an, kaufen CDs. Die Monetarisierung findet letztlich über Umwege des Merchandisings, der Promotion statt.

 

Grund zur Klage? Nicht wirklich. Denn solche Veranstaltungen zeigen, dass es offenbar nicht am Publikum liegt, wenn Jazz nicht ankommt. Viel wichtiger noch als früher ist inzwischen die Art der Vermittlung. Jazz macht nicht Sinn, bloß weil es ihn gibt. Das ist ein Mythos aus dessen Gründerzeit. Jazz macht aber dann Sinn, wenn er mit der passenden Mischung aus Anspruch, Identität und Entgegenkommen präsentiert wird. Denn Musik soll - wenn sie denn mehr ist als die Reflexion künstlerischer Möglichkeiten - auch Spaß machen, überraschen, verblüffen oder darf manchmal sogar einfach nur genossen werden. Wenn alle Beteiligten sich darüber im Klaren sind, dann wird sie auch gehört und im besten Fall ihren Platz im Leben der Menschen haben.

Richtig? Oder falsch?

 

 

Mittwoch, 29. Februar 2012. Konzerte

Gotye & Sting @ München

Gotye @ Freiheiz (rdo)

Clever sind sie beide, und jeder hat so seine Art, die Menschen in den Bann zu ziehen. Wouter de Backer, genannt Gotye (und gesprochen „Gootjee"), setzt auf Kontraste in einer sorgsam gewichteten Reizvielfalt. Der australische Sänger und Schlagwerker mit belgischen Wurzeln, der es mit dem Hit „Someone That I Used To Know" während der vergangenen Wochen weltweit in die Charts geschafft hat, präsentierte am vergangenen Sonntag im Freiheiz eine Mischung aus Archaik und Artifiziellem. Urtümlich waren die vielen Schlaginstrumente, die er und seine vier Mitstreiter einsetzten. Sie gaben der Musik etwas Pathetisches, das aber durch klare, stellenweise wirkungsvoll entkernte Arrangements im Zaum gehalten wurde. Sehr virtuell hingegen wirkten die vielen Trickfilm-Zuspielungen mit Nerd-Charakter, Sequenzen mit endlos wachsenden psychedelischen Kakteen oder schrecklichen Heimorgeln, die zu Extraterrestrischen mutierten. Im Wechselspiel dieser Eindrücke stellte sich Gotye als geschickter Herr über die Vielfalt dar, der sich mit markanter, wenn auch etwas dünner Stimme, und Liedern mit Ohrwurmpotential als geschmackvoller Pop-Künstler empfahl.

Sting @ Kesselhaus (rdo)

Sting hingegen musste nichts mehr beweisen. Der inzwischen nicht mehr ganz junge, aber noch erfrischend präsente Meister des Anspruchsvollen lud zwei Abende später in das Kesselhaus, eine mittelgroße Halle im Münchner Norden, die trotz stattlicher Eintrittspreise in Windeseile ausverkauft war. Der Blick ins Publikum zeigte warum. Denn hier traf sich das Pop-Bürgertum zum Ortstermin, zum Schwelgen im Soundtrack der vergangenen knapp 35 Jahre. Ein Vierteljahrhundert hatte sich Sting selbst auf die Fahne geschrieben, denn mit der „Back To Bass“-Tournee feiert er die eigene Laufbahn einschließlich passender Kompilation. Und natürlich präsentierte der lässige Brite von den charmant deutschen Ansagen über die dramaturgisch und musikalisch präzise ablaufende Show bis hin zu persönlichen Momenten allein an der Gitarre das ganze Spektrum gehobenen Entertainments. Sekundiert von alten Freunden wie Saitenkünstler Dominic Miller, Drummer Vinnie Colaiuta und drei jüngeren KollegInnen stimmte Sting einige selten gespielte Lieder auf dem Weg zu den Hits im Finale an, eine originelle Mischung, so dass das Fernsehteam am Ausgang der Halle schließlich nur enthusiastische Meinungen einsammelte. Das war Qualitätsarbeit, wenn auch stellenweise in ihrer Routine ein wenig arg glatt. Aber da hat Sting selbst mit „Bring On The Night“ schon vor Jahren die Messlatte des erwachsenen Konzert-Pops so hoch wie nur irgend möglich gelegt.

Noch eine Variation zum Thema

 

 

 

 

Uri Caine (rdo)

Donnerstag, 26.Januar 2012. Konzert

Caine & Crump @ Unterfahrt

 

Zur Zeit könnte man in der Münchner Unterfahrt ein Feldbett aufschlagen. Denn das Programm ist auf derart souveräne Weise exquisit, dass man eigentlich kaum einen Abend missen möchte. Dienstag beispielsweise war Uri Caine zusammen mit dem Bassisten John Herbert und dem Schlagzeuger Ben Perowsky am Start. Das war New York, oder besser Brooklyn, wie man es kennt und zu schätzen gelernt hat. Nicht dass der Pianist mit seinen langjährigen Partnern viel Neues gemacht hätte. Aber wie er mit den Klischees und Mustern jonglierte, wie er beiläufig virtuos durch die Klangsprache der reflektierten Jazzmoderne navigierte und zugleich im permanenten Trialog mit den anderen beiden Stilüberfliegern agierte – das war schon die hohe Kunst der kleinen Form.

Stephan Crump (rdo)

Ganz anders Stephan Crump, Bassist aus Memphis, derzeit auch Teil der New Yorker Szene. Sein Rosetta Trio mit den beiden Gitarrenkollegen Liberty Ellman und Jamie Fox ist die Fortsetzung von Bill Frisells Nashville-Visionen unter dem Vorzeichen urbanen Kammerfolks. Crump will Stimmungen schaffen, will melodische Zusammenhänge und dezente Abstraktionen verknüpfen, ohne damit das Feld des gehobenen Wohlklangs zu verlassen. Das hat in seiner kargen Intention einen eigenen Charme im stilistischen Beziehungsgefüge des derzeit aktuellen Roots-Trend, wirkt aber durch die puristische Besetzung ohne Schlagzeug zuweilen ein wenig wie Hausmusik für Fortgeschrittene. Gerade im Kontrast zu Caines Opulenz erscheint das Rosetta Trio allerdings wie ein weiterer pastellener Mosaikstein des vielfarbigen amerikanischen Jazzpuzzles der Gegenwart.

Siehe auch: http://www.nmz.de/online/zweimal-us-jazz-mit-haltung-das-uri-caine-trio-und-stephan-crumps-rosetta-trio-in-der-muenchn

 

 

 

Montag, 7.November 2011. Festivals

Deutsches Jazzfestival Frankfurt & Jazzfest Berlin

Adam Baldych @ Jazzfest Berlin (rdo)
Archie Shepp @ Frankfurt (rdo)

Der Ablauf hat sich über die Jahre hinweg eingespielt: erst Frankfurt, dann Berlin. Und ähnlich ist es mit den Schwerpunkten. Auch da hat sich eine gewisse Routine eingestellt, große Themen zu bearbeiten, ohne wirklich sich aus der Umzäunung der Stilterrains heraus zu wagen. So hatte sich das Deutsche Jazzfestival in Frankfurt das Thema 'Impulse' auf die Fahnen geschrieben, als Verbeugung vor dem gleichnamigen Label, das vor fünfzig Jahren mit John Coltrane und dem Album „Africa/Brass" ein innovatives Kapitel der improvisierenden Moderne aufschlug. Einer der Gäste war Archie Shepp, selbst noch eine Eminenz aus frühen Tagen der so genannten Avantgarde. Er zeigte im Verbund mit der hr Big Band wie auch im Duo mit Joachim Kühn, dass er noch immer einer der Großmeister der Klanggestaltung ist, wenn auch inzwischen mit ähnlichen Tendenzen zur Vieltönerei wie beispielsweise Kollege Rollins, der übrigens vor kurzem die Hymnen seiner Geburtstagsfeier 2010 auf dem Album „Road Shows Vol.2" veröffentlicht hat.

Tomasz Stanko @ Berlin (rdo)

Das Jazzfest Berlin wiederum sagte Nils Landgren als künstlerischem Leiter „Adé" und bekam von ihm dafür ein ästhetisch weitgehend reibungsfreies Festival geboten. Thematischer Schwerpunkt war die Musikszene Polens, dokumentiert in müden alten Herren wie dem Trompeter Tomasz Stanko und dessen Wiederaufguss des „Litania"-Programms, aber auch in energischen und kraftvoll ihren Platz im modernen, soulbopgetönten Mainstream behauptenden Musikern wie dem Geiger Adam Baldych. Drum herum wurden zahlreiche bunt gefächerte Akzente gruppiert, die von Lizz Wrights Gospel-Blues bis hin zu Carla Bleys Hammond-Fayencen Ideen andeuteten, ohne aber daraus ein schlüssiges Rund werden zu lassen. Das wird eine der wichtigen Aufgaben für den neuen Leiter des Berliner Jazzfestes im kommenden Jahr Bert Noglik sein. Denn eigentlich hatte das Festival einmal den Ruf, seiner Zeit voraus zu sein, nicht die Gewissheiten der Gegenwart zu bedienen.

Noch ein Nachtrag: Beim Auftakt des Deutschen Jazzfestivals in Frankfurt hatte ich die Ehre, dem Trio Das Kapital den Jahrespreis Jazz der Deutschen Schallplattenkritik überreichen zu dürfen. Ein Fotograf hat draufgehalten und daher ist nun ein hübscher Schnappschuss dieses Moments im Sendesaal des hr auf der Seite des Preises der Schallplattenkritik zu sehen ... 

http://www.schallplattenkritik.de/medien

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Neue Fotos in der Galerie.

 

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